2009 Der Clown im Pflegeheim

Der Clown im Pflegeheim

Es ist schwer zu greifen, wer wir Clowns eigentlich sind: die Exoten, die schon durch ihre außergewöhnliche Verkleidung Erstaunen und Amüsement hervorrufen. Grenzgänger, Seelsorger, Spassmacher, Lebenskünstler, Beistehende, Stimmungsveränderer. Es sind die, welche irgendwie dazwischen sind und gegen die Erstarrung von institutionellen Strukturen angehen, indem sie ihre  Ideen, ihre Heiterkeit und eine ganz andere Perspektive dorthin tragen.
Alles kann passieren: Laute, fröhliche Momente, an welchen in den Aufenthaltsräumen fröhlich alte Lieder geträllert werden, sich spontane Heiratszeremonien vollziehen, Kunststücke vorgeführt werden aber auch leise, traurige Begegnungen, in welchen wir Clowns auf unserer Reise durch ein Pflegeheim die Begrenztheit unserer Existenz ganz deutlich wahrnehmen und mitleben, Hände halten und streicheln, uns bei jemand anlehnen. Als Clown nehme ich meine Umgebung völlig anderes wahr. Je mehr sich meine Clownsfigur entwickelt, desto mehr wird es möglich, in diese andere Wahrnehmung einzutauchen. Und nur diese Wahrnehmung macht die besondere Art der Begegnung möglich. Jetzt, nach vier Jahren, welche ich mich als Clown in verschiedenen Senioreneinrichtungen bewege, fängt es an, mich immer mehr zu faszinieren, welche Mechanismen da greifen und wie das überhaupt funktionieren kann. Es ist die Art der Begegnung, die so besonders ist. Was als Nichtclown kaum greifbar ist, wird für den Clown selbstverständlich. Diese Art der Kontaktgestaltung und der Annäherung. Clowns sind mit kindlicher Arglosigkeit, gnadenloser Offenheit und einer großen Liebe für die Menschen ausgestattet.
Jacky Puff ist etwas verspätet, doch aus dem Zimmer hört sie schon immerzu ihre Mitclownin Mona Sesam sagen: „Jacky Puff kommt gleich. Oh, wenn erstmal Jacky kommt.“ Als Jacky dann ins Zimmer kommt, sitzt eine Dame auf dem Bett: schlohweiße Haare, kleine Löckchen und guckt sie mit erwartungsvollen, extrem großen Augen an – Wer kommt jetzt, was passiert da? Es ist eine Begegnung, als würden sich die beiden schon jahrelang kennen und sich nun nach dreißig Jahren das erste Mal wiedersehen. Eine wahnsinnige Spannung ist im Raum. Die beiden umarmen und drücken sich. Mona ist verwirrt: „Häh, kennen die sich?“ Die Frau hat russisch - polnische Wurzeln. Mona Sesam spielt ein russisches Lied, die Frau sitzt aufrecht im Bett, wedelt mit den Armen und singt den russischen Text dazu - ein Stimmungslied! Wunderschön. Beim Abschied sagt sie zu Jacky: „Ja, das gibt es gar nicht. Soll ich Dir mal was verraten: Vor ner Stunde lag ich hier im Bett und dachte, weißt Du was, eigentlich will ich nur noch sterben. Aber jetzt will ich doch noch ein bißchen weiterleben.“ Es ist irgendein Zauber in der Luft.
In ihrer Diplomarbeit über die Geri-Clownerie hat Birke Tegethoff1 nachgewiesen, dass die Clownsarbeit sehr komplex ist. Der Clown ist scheinbar ziellos ohne ausgewiesenes therapeutisches Anliegen unterwegs, muss auch keine Pflegehandlung vollführen. Dennoch will er etwas – eine wertvolle Begegnung kreieren, die Athmosphäre verändern, die Menschen glücklich machen, Brücken schlagen...
Dazu braucht es ein ausgereiftes Handwerkzeug – eine solide Clownsfigur, passende Utensilien und Requisiten, Erfahrung im Zusammenspiel und Improvisation, theoretische Grundlagen. Wie Tegethoff nachgewiesen hat, bedient sich der Clown aus verschiedenen Therapierichtungen der Pflegearbeit, auf welche er intuitiv zugreift. Er verwendet Elemente aus der Musiktherapie, basaler Stimulation, Validation, 10 – Minutenaktivierung, Tanztherapie, Biographiearbeit und folgt dem personzentrierten Ansatz nach Kidwood.


Was sind also die Eckdaten der Clownsausbildung und des späteren, freien Spieles?
Das Clownstraining fängt bei einer bewußten Körperwahrnehmung an. Lockerungs-, Feldenkrais- und Bewegungsübungen lehren, den Körper in allen Details und Feinheiten wahrzunehmen. Erst wenn eine grundsätzliche Lockerheit und Entspanntheit im Körper entstanden sind, kann eine neue Körperlichkeit – die des Clowns – entwickelt werden.
Zudem muss die eigene Komik erkannt werden. Grundsätzlich ist niemand perfekt und jedeR trägt irgend etwas in sich, was nach gesellschaftlichkonventionellen Vorgaben eben nicht passt. Ob Verhaltensweisen wie gelegentliche Wutanfälle, schnelles Eingeschnapptsein, Dauerstress oder aber eine spezielle Körperlichkeit – zu große Füße, zu dick, zu dünn, zu lang, zu klein, Hakennase, Segelohren – in jedem Falle gilt es, dies (an-) zu erkennen, was niemals leicht ist und eine Distanz zu den eigenen Unzulänglichkeiten zu entwickeln, um damit zu spielen. Die Tragik des Mißglückten macht einer neuen Perspektive Platz. Der Clown hat keine wirkliche, persönliche Betroffenheit und er findet sich auch nicht selbst lustig. Er ist eben nicht perfekt, kreiert daraus ein Spiel, aber merkt es selbst nicht – wie ein kleines Kind. Erst wenn die anderen lachen, fällt ihm auf, das etwas “nicht stimmt”. Gefühle sind die Spielfläche. Der schnelle Zugang zu Gefühlen und Impulsen ist wichtig, um sie für die Improvisation aufzugreifen. Gerade sie sind es, die das Clownsspiel bestimmen, genau umgekehrt wie oft im richtigen Leben, in denen Gefühle unterdrückt und nicht gezeigt werden, da sie als unpassend geltend könnten...
Das “Material” muß erkannt und “gespielt” werden: Emotionen, ein Kostüm, dass die komischen Seiten in uns begünstigt, eine geeignete Schminke kreieren nach und nach eine eigene Persönlichkeit. In Trödelläden und auf Flohmärkten suchen wir nach passenden Requisiten. Wir experimentieren mit Sprache, bilden neue Worte, neue Betonungen. Wir spielen mit unserer Gestik, erkunden die Gefühle, welche in den Körperteilen sitzen oder aber spüren dem nach, was bestimmte Körperhaltungen bei uns auslösen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine Figur mit eigenen Bewegungen, eigenem Gang, eigener Mimik, eigener Stimme, eigener Sprache... All das kommt irgendwie von uns. Und doch sind es nicht wir selbst, die wir da spielen. Der Clown ist autonom und kann sich das ganze Leben weiterentwickeln. Das Kostüm ist wichtig, um eine klare Symbolik zu transportieren. Es ist einerseits Maskierung, andererseits eine gewisse Nacktheit, dort im Kostüm zu stehen und sich den Menschen zu präsentieren. Es macht, dass Menschen, welche sonst grußlos vorüber gehen, uns auf einmal freudigst in die Arme fallen.
Als nächstes ist der Ausdruck und die Darstellung für andere wichtig: wir üben pantomimische Mittel wie das Überreichen einer schönen Blume oder Slapstickeinlagen – gekonnt über die eigenen Schuhe stolpern, schmerzfrei unabsichtlich gegen eine Tür laufen oder den Partner Ohrfeigen und nicht zuletzt akrobatische Einlagen, die sich an vielen Gelegenheiten gut einfügen. Ein Arsenal an Ausdrucksmöglichkeiten und Tricks entsteht, welches im Bedarfsfall zur Verfügung steht. Dazu gehört auch das Erlernen alter Lieder und Schlager. Wir haben im Training ein ganzes Repertoir  davon zum Teil auch zweistimmig erarbeitet, sind nahezu Experten für altes Liedgut. Denn wenn wir an Betten von Menschen stehen, die ganz abwesend zu sein scheinen, dann ist es tatsächlich am allerehesten die Musik, welche auf Resonanz trifft und auch Freude auszulösen vermag. Vorteilhaft ist es, ein Instrument zu spielen.
Dann kommen die Übungen “mit Nase”. Diese sagenumwobene “kleinste Maske der Welt” (Jacques Lecoq) wird in einem ungesehenen privaten Moment aufgesetzt. Was löst dieser rote Punkt in unserem Gesicht aus, was für Handlungsimpulse entstehen? Wir lassen unserer Phantasie freien Lauf. Immer wieder zeigt sich, dass das Aufsetzen der roten Nase wie befreiend wirken kann. Die Menschen in unseren Workshops werden spielerisch, sie fangen an, durch den Raum zu stolpern, Emotionen zu entdecken. Es ist wie ein Signal, das alte, lang erlernte Regeln nicht mehr befolgt werden müssen. Alles ist erlaubt, Grenzen verschwinden. Wir üben uns darin, dieser Clownslogik zu folgen und keine Angst vor ihr zu haben. Wir setzen das Kindliche in uns frei, finden die Lust am Spiel. Nicht jeder Clown braucht eine rote Nase. Sie ist für den Anfang ein gutes Mittel, um die Clownswelt von der übrigen Welt zu trennen und einen Umschalthebel zu finden.
Dann üben wir das Zusammenspiel: Wenn wir als Clowns durch die Heime streifen, sind wir zu zweit unterwegs. Dafür entwickeln wir für unsere Clowns eine bestimmte, unausgewogene Beziehung – Nichte und Tante, die schlaue Chefin mit der tollpatschigen Angestellten, das Mamasöhnchen mit Mama... Aus dieser Beziehung heraus ist es jederzeit möglich, ein Spiel zwischen den beiden zu kreieren, so dass die Clowns nicht unbedingt auf Spielimpulse von Außen angewiesen sind. Allein die spielerische Stimmung zwischen den beiden Clowns kann “ansteckend” wirken.
Die Improvisation ist ebenfalls ein Fundament unserer Arbeit. Der Clown muss flexibel sein, auf die Impulse seiner Umwelt eingehen und gleichzeitig den eigenen Ideen vertrauen. Dies nimmt sehr viel Raum in unserem Training ein. Intuition, Zulassen der Situation und Handeln bzw. Reagieren im richtigen Moment sind hier Schlüsselworte. Die Clowns machen Vorschläge oder greifen Impulse auf, intuitiv reagieren und agieren sie. Die besuchte Person entscheidet sich. Die Clowns spüren, wenn jemand überfordert ist, dann verhalten sich artig und höflich, fragen, ob sie ein Ständchen bringen dürfen oder wie das Befinden heute ist. Ein anderes Mal werden sie übermütig und stellen das halbe Zimmer auf den Kopf. Ein Besuch kann die unterschiedlichsten Wendungen nehmen.
Oft gibt es ein Thema für den Clownsbesuch, z.B. “Waschtag” sein. Dann nehmen wir ein altes Waschbrett und weiße Spitzenwäsche mit und singen das Lied von den fleißigen Waschfrauen. Das Thema breitet sich im ganzen Haus aus, als würden alle zusammen ein gemeinsames Spiel spielen. Die Clowns tragen es über die Etagen, lernen, wie früher gewaschen wurde, lernen neue Lieder. Dabei stellen wir fest, dass auch Menschen das Spiel erreicht, welche sonst abwesend zu sein scheinen. Ein Mann, der sonst wenig Kontakt aufnimmt, läuft neben den Clowns her, verfolgt sie regelrecht, schaut mit großen Augen. Die Pflegerinnen sind erstaunt.

Vor dem Spiel gibt es in der Regel eine Übergabe mit dem Personal. Der Kontakt mit dem Personal und der Heinleitung ist sehr wichtig und wird von uns mittlerweile ganz erfolgreich auch auf anderen Ebenen versucht (Fortbildungen für Pflegende und Ergotherapeuten, Einladungen zu unseren öffentlichen Veranstaltungen, gemeinsame Angehörigenabende). Nur von ihm können wir die Nachwirkungen unserer Besuche erfahren.3
Natürlich müssen auch wir einiges verarbeiten oder reflektieren. Dazu gibt es jährliche Supervisionen und das wöchentliche Training. In Rollenspielen spielen wir Situationen noch einmal durch, um sie zu verarbeiten, neue Lösungsansätze zu finden oder einfach einen anderen Blick darauf zu bekommen.

Das schöne am Dasein des Geri-Clowns ist, dass sich die Banalitäten des Alltags – obwohl oder gerade weil wir mit ihnen spielen - verflüchtigen und wir ganz und gar auf die Grundwerte und das Existentielle unseres Daseins zurückgeworfen werden. Der Clown hat nicht diese banalen Gereiztheiten hat, die in zivil spürbar sind, bzw. er geht anders damit um. Es geht ihm um etwas anderes, etwas viel Größeres, um das Du und Ich, um das Leben, um den Moment...

in gekürzter Fassung erschienen im Einlegeheft des "Demenz.Das Magazin. Ausgabe 9/2009 "Humorvoll sein"

 

"Sich im Augenblick begegnen – Über die Wirkmechanismen der Clownerie für Menschen mit Demenz” Diplomarbeit im Fachbereich Soziale Arbeit/Sozialpädagogik, Fachhochschule Merseburg 2009, auf Nachfrage zu erhalten